
"Dennoch
hat jeder von uns hier definitiv begriffen, dass ein Linguist,
der taub ist für die poetische Funktion, genau wie ein
Literaturwissenschaftler, der den Problemen der Linguistik gleichgültig
gegenübersteht und ihre Methoden nicht kennt, der eine
wie der andere, nunmehr offenkundige Anachronismen sind."1
Als
Roman Jakobson diese Worte 1960 schrieb, konnte er nicht ahnen,
dass sich der Graben zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft
in den folgenden Jahrzehnten weiter verbreitern würde.
Umso dringlicher erscheint heute die Notwendigkeit, die Entfremdung
zwischen den Disziplinen wieder aufzuheben, denn je mehr Sprach-
und Literaturtheorie auseinanderklaffen, desto größer
wird die Gefahr, dass beide die anthropologische Dimension ihres
Gegenstandes aus dem Blick verlieren. Zu den fruchtbarsten Bemühungen
um eine anthropologischen Theorie der Sprache und der Literatur
gehört das Werk des französischen Sprach- und Literaturwissenschaftlers,
Übersetzers und Dichters Henri Meschonnic.2
Theoretische Reflexion und empirische Praxis sind in seinen
Arbeiten von Anfang an aufeinander bezogen. Schon in den zwischen
1970 bis 1978 erschienenen fünf Bänden der Reihe Pour
la poétique zeigt sich diese doppelte Ausrichtung:
etwa in seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Poetik
des Strukturalismus (im ersten Band), in den detaillierten Untersuchungen
zu verschiedenen Bibelübersetzungen oder in der zwei Bände
umfassenden Analyse des Gesamtwerks von Victor Hugo. Meschonnics
Sprachtheorie gründet sich in einer doppelten Praxis, in
der Praxis des Übersetzens (Übersetzungen mehrerer
Bücher aus der hebräischen Bibel: beginnend mit Les
cinq rouleaux 1970 und Jona et le signifiant errant
1981 bis zu Dans le désert 2008) und in der Praxis
des poetischen Schreibens (verschiedene Gedichtbände, darunter
Dédicaces proverbes aus dem Jahre 1973, für
den er den Literaturpreis Max Jacob erhält und Voyageurs
de la voix, 1985, der mit dem Prix Mallarmé ausgezeichnet
wird ). Henri Meschonnic ist unter den gegenwärtigen Sprachdenkern
sicherlich derjenige, der die Sprache, die Funktionsweise der
Sprache, am konsequentesten vom Subjekt her denkt, also nicht
von der Struktur, der langue und vom Zeichen, sondern
von der Subjektivierung der Sprache in der konkreten Rede. Die
besondere Ausrichtung seines Denkens zeigt sich auch in seinen
anderen Veröffentlichungen, etwa in Büchern zur Ontologisierung
der Sprache bei Heidegger (Le langage Heidegger 1990,
und Heidegger ou le national-essentialisme 2007) und
zur Lexikographie (De mots et des mondes, dictionnaires,
encyclopédies, grammaires, nomenclatures 1991) und
in vielen anderen seiner Veröffentlichungen (siehe
Literaturverzeichnis).
Wollte man zwei Veröffentlichungen herausgreifen, an denen
sich Meschonnics Beitrag zur modernen Sprach- und Literaturtheorie
besonders eindrucksvoll ermessen lässt, so wären dies
wahrscheinlich seine Untersuchung der Zeichenvorstellungen im
europäischen Denken in Le signe et le poème
(1975), und sein Entwurf einer historischen Anthropologie der
Sprache in Critique
du rythme (1982). Sein letztes
Buch trägt den Titel "Sortir du postmoderne"
(2009) und formuliert damit wohl
eine der dringlichsten Aufgaben,
die sich dem wissenschaftlichen Denken gegenwärtig stellen.
Abschied
vom Zeichen
Meschonnics
Kritik des Zeichenprinzips in der abendländischen Philosophie,
der Psychoanalyse und der Sprachwissenschaft, die er in Le
signe et le poème unternimmt, ist eine Kritik des
metaphysischen Dualismus von Form und Inhalt, Signifikant und
Signifikat, Körper und Geist, Sprache und Welt. Dieser
Dualismus, der so gut zu funktionieren scheint, der so alt und
so vertraut ist, dass man ihn für die Natur der Dinge halten
könnte, versagt, wie Meschonnic immer wieder betont hat,
bei einer ebenso alten wie vertrauten Sprachtätigkeit:
beim Gedicht. Denn im Gedicht ist jede dualistische Trennung
von Form und Inhalt zum Scheitern verurteilt. Es ist weder eine
Form, noch ein Inhalt. Wäre es eine Form (Metrum, Reim,
Strophe), so könnten Computer Gedichte schreiben, wäre
es ein Inhalt (Mond, Liebesschmerz, Einsamkeit), so wäre
die Inhaltsangabe eines Gedichtes selbst ein Gedicht, aber:
Die Paraphrase ist der Schwachpunkt des Zeichens."
3
Das
Gedicht ist der notwendige Zusammenhang von etwas, das weder
als eine Form, noch als ein Inhalt greifbar wird und sich nicht
mit den Kategorien des Zeichens beschreiben lässt.
Die
Aporien des Zeichens, die das Gedicht sichtbar werden lässt,
beträfe die Zeichentheorie nur am Rande, wenn dem Gedicht
lediglich eine ästhetische Rolle innerhalb der Sprache
zukäme. Doch für Meschonnic liegt die Spezifik des
Gedichts woanders: Im Gedicht (und das gilt für jede poetische
Sprachtätigkeit, also auch für narrative oder dramatische
Texte) realisiert sich ein Sprechen, in dem sich deutlicher
als irgendwo sonst, die Subjektivität der Sprache artikuliert.
Im Gedicht zeigt sich damit etwas, das überall in der Sprache,
in jedem Sprechen und noch in der alleralltäglichsten Äußerung
präsent ist, auch wenn es so oft aus dem Blick gerät:
Die
Dichtung hat in einer historischen Anthropologie der Sprache
keine ästhetische Rolle mehr. Sie ist eine Sprachaktivität,
ein Bedeutungsmodus, in dem mehr als in allen anderen zu Tage
tritt, dass das, was bei der Sprache, bei der Geschichtlichkeit
der Sprache, auf dem Spiel steht, das Subjekt ist, das empirische
Subjekt als Funktion aller Individuen, [...]. Die Dichtung
bewirkt ein Zu-Tage-treten des Subjekts." 4
Wenn dieses Subjekt immer wieder übersehen, ausgeblendet
und negiert wird, so nicht deshalb, weil es nicht wahrnehmbar
wäre, sondern weil es dort, wo man die Sprache in den Kategorien
des Zeichens denkt, keinen Platz hat und keinen Platz haben
kann. Dies wird unmittelbar deutlich, wenn man sich auf ein
Gedankenexperiment einlässt, das Ludwig Wittgenstein in
seinen Philosophischen Untersuchungen angestellt hat:
"Angenommen,
es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas,
was wir »Käfer« nennen. Niemand kann je in
die Schachtel des Andern schaun; und Jeder sagt, er wisse
nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist.
Da könnte es ja sein, daß Jeder ein anderes
Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich
vorstellen, daß sich ein solches Ding fortwährend
veränderte. Aber wenn nun das Wort »Käfer«
dieser Leute doch einen Gebrauch hätte? So wäre
er nicht der der Bezeichnung eines Dings. Das Ding in der
Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel;
auch nicht einmal als ein Etwas: denn die Schachtel könnte
auch leer sein. Nein, durch dieses Ding in der Schachtel
kann »gekürzt werden«; es hebt sich weg,
was immer es ist." (Wittgenstein 1952: 157)
Das Ding in der Schachtel die jeweilige Vorstellung von
der Bedeutung des Wortes hat keinen Platz im Sprachspiel,
weil sie eine private Vorstellung des sprechenden Ichs bleibt.
Privat im Sinne von Wittgenstein, also außerhalb der Möglichkeit
sprachlicher Mitteilung. Damit bleibt aber auch das sprechende
Ich, also das Subjekt, außerhalb der Sprache, denn der
Sinn in der Sprache kann niemals der Sinn des Subjekts
sein, sondern höchstens das Ergebnis einer vorgängigen
Konvention, auf die das Subjekt keinen Einfluss hat und keinen
Einfluss haben kann: Die Bedeutung der Wörter liegt ja
immer schon fest wenn wir beginnen sprechen zu lernen. Sprechen
kann also im Zeichenmodell nur heißen: den Konventionen
der Sprache folgen, um zu kommunizieren. Das Subjekt wird somit
zum bloßen ausführenden Organ der Sprache. Genau
in dieser Ausgrenzung der Subjektivität aus der Sprache
liegt das anthropologische Paradox der Zeichentheorie. Sie ist
damit blind für die Subjektivierung der Lebensformen in
der Sprache, für die unaufhörliche Verwandlung des
Geschichtlichen und des Kulturellen, die ein Spezifikum des
Menschen und sich permanent in der Sprache und durch sie ereignen.
Nicht nur jede Kultur und jede Zeit hat ihre Sprache, sondern
auch jeder Mensch hat seine Sprachvermögen, das sich mit
ihm verändert. Worauf schon Wilhelm von Humboldt hingewiesen
hat, der vor der Vorstellung gewarnt hat, dass die Sprache
durch Konvention entstanden, und das Wort nichts als Zeichen
einer unabhängig von ihm vorhandenen Sache, oder eines
ebensolchen Begriffs ist." (Humboldt 1806: 7). Wer Sprache
und Subjekt, Sprache und Kultur, Sprache und Geschichte zusammendenken
will, muss daher die Reduktionismen der Zeichenvorstellung hinter
sich lassen.
Fußnoten
1)
"Chacun de nous ici, cependant, a définitivement
compris qu'un linguiste sourd à la fonction poétique
comme un spécialiste de la littérature indifférent
aux problèmes et ignorant des méthodes linguistiques
sont d'ores et déjà, l'un et l'autre, de flagrants
anachronismes." (Jacobson 1960).
2)
Henri Meschonnic (geb. 1932) war unter anderem Prof. em. an
der Sorbonne (Paris VIII) und ist am 8. April 2009 gestorben.
3)
La paraphrase est la faiblesse du signe." (Meschonnic
1982: 63).
4)
Elle est une activité de langage, un mode de signifier
qui expose plus que tous les autres que lenjeu du langage,
de son historicité, est le sujet, le sujet empirique
comme fonction de tous les individus. Elle fait une exposition
du sujet." (Meschonnic 1982: 35).
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