Laut
Brockhaus stellt die Sprachtheorie eine "Disziplin der
Sprachwissenschaft" dar, "die die Fragen nach
Grundlagen, Wesen und Eigenschaften der menschlichen Sprache
untersucht, z.B. das Verhältnis von Sprache und Denkvorgang
und die Rolle der Sprache innerhalb der menschlichen Gemeinschaft"
(dtv-Brockhaus-Lexikon in zwanzig Bänden, Leipzig:
Brockhaus 1988).
Tatsächlich
geht das Feld der Sprachtheorie weit über die Grenzen einer
einzelnen Disziplin hinaus. Denn zu ihren Gegenständen
gehören auch Fragen, die sich nicht allein mit sprachwissenschaftlichen
Mitteln beantworten lassen, wie die nach dem Verhältnis
von Sprechen und Denken, von Sprache und Kultur, Sprache und
Gesellschaft etc. Es erscheint deshalb sinnvoller, die Sprachtheorie
innerhalb der Anthropologie zu verorten, in jenem Wissensfeld
also, das nach der Spezifik des menschlichen Daseins und der
menschlichen Lebens- und Erfahrungsformen fragt. Schließlich
gibt es kaum eine Wissenschaft vom Menschen (Philosophie, Psychologie,
Ethnologie, Geschichts- und Literaturwissenschaft etc.), in
der die Sprachtheorie nicht eine zentrale Rolle spielt. Denn
wenn wir von der Sprache reden, reden wir immer auch vom Menschen,
von unserer Vorstellung von dem, was den Menschen zum Menschen
macht.
Das
bedeutet jedoch nicht, dass es ratsam wäre, die Sprachtheorie
von der Sprachwissenschaft zu trennen. Zu grundlegend sind die
theoretischen Erkenntnisse, die terminologischen Differenzierungen
und die empirischen Forschungsergebnisse, die in den letzten
hundert Jahren sprachwissenschaftlicher Forschung erarbeitet
worden sind. Es geht vielmehr darum, die Sprachtheorie über
die Sprachwissenschaft hinaus zu denken, also Sprachtheorie
und Literaturtheorie, Sprachtheorie und Philosophie, Sprachtheorie
und Politik zusammenzudenken. Es geht darum, das große
Projekt einer Anthropologie der Sprache, das in den Schriften
Wilhelm von Humboldts beginnt, aufzugreifen und fortzuführen.
Dass dies heute möglich ist, in anderer Weise als noch
vor einigen Jahrzehnten, ist in ganz wesentlichem Maße
Henri Meschonnic zu verdanken, dessen Sprachdenken auf den folgenden
Seiten vorgestellt wird.
Am
8. April 2009 starb Henri Meschonnic nach langer Krankheit.
In Frankreich hat man auf die Nachricht von seinem Tod mit zahlreichen
Nachrufen und Würdigungen reagiert. Dagegen gab es Deutschland
nur wenige Meldungen, die auf die Bedeutung dieses großen
Wissenschaftlers und Denkers, Übersetzers und Dichters
hingewiesen haben. Noch immer ist Meschonnic in Deutschland
weitgehend unbekannt. Seine Untersuchungen zu Hugo, Baudelaire
und Eluard, seine Kritik an den Traditionen der Zeichentheorie,
seine Arbeiten zum Rhythmus, seine Analysen des Heiderggerschen
Sprachrealismus, seine Bibelübersetzungen, seine Gedichte
- das gesamte Werk Meschonnics wartet noch darauf, von deutschen
Lesern entdeckt zu werden. Diese Seiten möchten dazu beitragen,
diese Situation zu ändern und erste Zugänge zu seinem
Werk zu eröffnen. Essays und Aufsätze, die sich mit
Meschonnic auseinandersetzen, sind jederzeit willkommen und
können an dieser Stelle veröffentlicht werden.
Viel
Vergnügen bei der Lektüre!
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